Die gelbe Bank Kolumne Folge 3: Geschichten überall

Geschichten sind überall

 

„Ich möchte Ihnen eine Geschichte erzählen. Weil ich das gerade gelesen habe: Geschichten“, beginnt die Dame mit den kinnlangen weißen Haaren zu erzählen. Ein paar Minuten zuvor hatte sie unsere Notizen auf der Pinnwand im hinteren Bereich des Kreativlabors gesehen. Erst am Vortag hatten wir die Zettel aufgehängt. Wir – das sind die Coworkerinnen im Kreativlabor: Katrin, die Malerin, Carolina, die Goldschmiedin und Leiterin, Anne, die Papeterie herstellt und gestaltet, und ich, die schreibt.

Die Notizen – das sind Ideen, die wir festhalten wollen, wann immer sie uns kommen. Ideen, wie wir besser beschreiben können, was wir hier eigentlich machen und wie wir Menschen ermutigen können, ins Kreativlabor reinzukommen, uns über die Schulter zu schauen, neugierig zu sein. Auf einem dieser Ideenzettel steht eben das Wort „Geschichten“. Denn davon gibt es hier genug. Wir tragen unsere mit uns, wir erzählen sie in unseren Werken und wir hören die von Besucherinnen und Besuchern. Die gelbe Bank vor der Tür, die knarzenden Dielen und Holzbalken innen, der Ort an sich in genau dieser Straße – in der Schiffstraße in Erlangen – scheint Menschen dazu einzuladen, kleine Ausschnitte ihrer Geschichten hier zu lassen.

Die weißhaarige Dame erzählt weiter. Ihr Mann, mit dem sie heute hier ist, steht neben ihr. „Ich beobachte gerne die Vögel. Die in meinem Garten, wissen Sie.“ Carolina und ich nicken verstehend. Erst neulich habe sie eine Meise dabei beobachtet, wie sie zwischen den Noppen auf der Fußmatte, die vor der Tür zum Garten liegt, etwas aufsammelte und damit davonflog. Es waren runtergefallene Haare der Dame. Haare, die sie verliere, weil sie eine Chemo mache, erwähnt sie nur beiläufig im Nebensatz, damit wir verstehen können. Viel wichtiger ist ihr jedoch der Fakt, dass die Meise damit ihr Nest baue. „So lebt etwas von mir weiter, das ist schön“, schwärmt sie.

 

WENN DIE DIELEN SPRECHEN KÖNNTEN

Es ist kein trauriger Moment. Heute geht es den beiden um gemeinsame Erinnerungen. Denn an diesem Tag ist auch der Geburtstag ihres Mannes. Und die beiden machen eine kleine Erinnerungstour durch Erlangen. Besuchen Plätze, an denen sie früher waren. Ihr Früher in diesem Haus, in dem heute das Kreativlabor ist, ist gut vierzig Jahre her. Damals hatte sie als Studentin hier gewohnt. Irgendwann während dieser Zeit des Studiums muss auch schon die Beziehung der beiden begonnen haben. Denn ihr Mann erinnert sich an das schmale Bett von damals. Und erkennt, dass die Rohre im Kreativlabor heute viel moderner sind.

Ich muss innerlich schmunzeln. Modern ist kein Adjektiv, das ich mit diesem Haus und unseren Räumen in Verbindung bringe. Die knarzenden Dielen, die Raumkühle an heißen Sommertagen und das Frieren im Winter sprechen eine unmoderne Sprache. Und zeugen von einer Historie, die bereits weit vor unserer Zeit als Coworkerinnen begonnen hat. Durch Menschen wie dieses Ehepaar, Zeitzeugen eben, wird die Historie lebendig und konkreter. Und durch manche Menschen wird die Fantasie darüber angeregt. Wie zum Beispiel durch die Frau, die kurz vor dem alten Ehepaar gekommen ist, weil sie sich für den freien Arbeitsplatz neben mir interessiert. Das dunkel gerahmte Kassettenfenster zum Hof hinaus, durch das ich mit einem Blick über meine linke Schulter immer wieder starre, wenn ich eigentlich schreiben sollte, erinnere sie an ein Fenster in der ehemaligen Werkstatt ihres Opas in Frankreich.

Ein Kassettenfenster im Kreativlabor Erlangen mit Blick in den Hinterhof

Der Blick aus dem Kassettenfenster im Kreativlabor Erlangen

Nicht nur wir Menschen tragen Geschichten in uns, auch die Dinge, die uns umgeben, sind voller Geschichten, denke ich bei mir. Ich frage mich, was dieses Fenster und diese knarzenden Dielen erzählen könnten. Wie viele Füße hier schon über die Dielen gelaufen sind. Aufgeregt oder in Eile. Wie viele getanzt haben. Wie viele langweilig wartend auf der Stelle getreten sind. Welche Geheimnisse das Knarzen des Holzes übertönt. Wer alles schon im Hinterhof hinter dem Kassettenfenster gefeiert hat und welche Streitigkeiten in der Hausmauer hängengeblieben sind.

 

WEIL NICHT-ERZÄHLEN DIE SCHLECHTERE OPTION IST

Geschichten passieren, Erinnerungen bleiben, Verbindungen entstehen. Genau solche Gespräche im Kreativlabor mit Menschen, die vor fünf Minuten noch Unbekannte waren, genau solche Momente schaffen Verbindung. Über Generationen hinweg, über Ländergrenzen hinweg. Manchmal nur für ein paar Minuten. Und manchmal vibrieren die Verbindungen wochenlang im Stillen nach, ohne dass der andere etwas davon erfährt.

Es ist ein bisschen wie in den Episodenfilmen Happy New Year, Tatsächlich… Liebe oder in der Serie Modern Love. In kurzen Momenten verweben sich Geschichten, begegnen sich Schicksale. Manchmal mögen größere Zusammenhänge entstehen. Im richtigen Leben bleiben sie uns allerdings meistens verborgen. Wir haben keine zeitüberschreitende Vogelperspektive, keinen allwissenden Erzähler an unserer Seite. Während für den einen die Begegnung lange nachhallt, hat die andere sie vergessen, sobald sie vorüber ist.

Wichtig bleibt dennoch, dass sie stattfinden, diese Begegnungen. Wichtig bleibt, dass wir einander unsere Geschichten erzählen und zuhören. Denn unsere Geschichten beeinflussen unser Tun und geben ihm einen tieferen Sinn.

 

»Um dir zu sagen, wer ich bin, muss ich dir meine Geschichten erzählen. Meine Identität ist ein immer wieder neues Resultat der Geschichten, Ereignisse und Erfahrungen, die für mich heute eine Bedeutung haben.«1

 

Mein Blick auf die Welt nährt sich von solchen Geschichten. Im Schreiben kann ich einen Teil davon konservieren, etwas Neues daraus machen und ihn wieder in die Welt geben. Im kleinen Persönlichen und Individuellen schimmert doch auch immer das Allgemeingültige und große Ganze durch. Nicht umsonst ist das Geschichtenerzählen eine unserer ältesten Kulturtechniken. Es stiftet Gemeinschaft und Zusammenhalt, stärkt unsere Empathie, vermittelt Wissen und lässt uns einander besser verstehen, Identität und Traditionen entwickeln.

Petra Häfner sitzt auf der gelben Bank und schreibt auf ihrem Laptop

Auf der gelben Bank: Im Schreiben kann ich einen Teil der Geschichten konservieren

Kurz bevor sich das Paar verabschiedet und seine Geburtstags-Erinnerungstour fortsetzt, sagt der Mann der weißhaarigen Frau noch zu uns: „Es ist gut, dass es solche Biotope in der Stadt gibt und dass sie erhalten bleiben.“ Und ich möchte heute hinzufügen: Erzählt euch eure Geschichten, weil Geschichte zählt! Und Nicht-Erzählen meistens die schlechtere Option ist.

 


1 Heiko Ernst (Psychologe und Journalist)

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BILDUNTERSCHRIFT: In die gelbe Bank Kolumne schreibe ich über alles, was mir auf der gelben Bank in der Schiffstraße begegnet. Oder eben auch nicht. Gedanken, Beobachtungen, Alltagsgeschichten, BILDQUELLE: Carolina Martínez (Foto), wenn nicht anders angegeben, sind die Bilder in diesem Beitrag von Petra Häfner
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