Auf Reisen dem Neuen und sich selbst begegnen

 

Kaum ist sie in der Welt, geht sie auf Reisen, die gelbe Bank. ‘Darf sie das?’, habe ich mich gefragt. Und nach dem anfänglichen Überlegen kam ein klares: ‘Ja, sie darf.’ Die gelbe Bank kann überall stehen, weil überall Begegnungen passieren, Verbindungen wachsen, Kreativität wirkt. Der Geist der gelben Bank ist nicht an einen festen Ort gebunden. Auch wenn der Impuls für die meisten Themen tatsächlich auf der gelben Bank in der Schiffstraße in Erlangen entsteht, wirken die Themen oft an anderer Stelle weiter.

Dieses Mal in Vilnius, in Litauen. In dem kleinen Land im Baltikum, das über Polen und Belarus liegt, zwischen Kaliningrad und Lettland, an der Ostsee. Ich bin dort für eine Woche Urlaub und um meine litauische Freundin Jurate zu besuchen. Es ist nicht mein erster Besuch in Litauen. Und auch nicht der letzte, das ist gewiss. „2002 – 2008 – 2018 – 2022 – tbc“, schreibe ich mir auf und prüfe in Gedanken, ob es einen nachvollziehbaren Rhythmus gibt. So wie bei diesen Zahlenfolgen in IQ-Tests. Ich finde keinen und eigentlich will ich auch gar keine Logik an der Stelle, wo längst eine Herzensangelegenheit gewachsen ist. In dieser Woche feiere ich mit Jurate 20 Jahre Freundschaft und meinen ersten Urlaub seit fast dreieinhalb Jahren Selbstständigkeit. Die gelbe Bank reist also mit mir nach Litauen und wird zu einem Schreibfenster in einem Airbnb in Vilnius mit Blick auf Dächer und Himmel. Und zu einer Bettkante in einer Pension an der litauischen Ostsee. Notizheft und Laptop finden ja überall Platz.

 

Petra Häfner sitzt am Fenster und schreibt

Die gelbe Bank wird zu einem Schreibfenster in Vilnius

Vilnius ist eine Station in meinem Lebenslauf, an die ich von Zeit zu Zeit zurückkehre. 2002 – 2008 – 2018 – 2022 eben. Ich habe dort gearbeitet, gelebt und war Touristin. Das erste Mal war im Winter 2002/03. Ich habe dort das erste Mal Weihnachten ohne meine Familie gefeiert. Ich habe dort realisieren müssen, dass mein Schulrussisch gerade mal ausreicht, um dem älteren Nachbarn im Treppenhaus eine Frage zu stellen, aber plaudern kann ich nicht mit ihm. Ich habe dort gelernt, dass man es in der Nase spürt, wenn es mindestens –20 Grad Celsius sind. Dann gefrieren die Tröpfchen in der Nase, machen die feinen Härchen steif und piksen von innen an die Nasenwand.

 

ZEITREISEN IM HIER UND JETZT ZUM DAMALS

Vor zwanzig Jahren fuhr ich mit dem Bus von Dresden nach Vilnius, fast 24 Stunden lang. Die Option zu fliegen, stellte sich mir gar nicht, da Bus eindeutig billiger und ich Studentin war. In diesem Bus, auf dieser Fahrt lernte ich Jurate kennen, die mir ihre Hilfe anbot, weil ich weder die litauischen Ansagen des Fahrers verstand noch mit drei Wodka trinkenden Männern neben mir in der letzten Sitzreihe über zwanzig Stunden zubringen wollte. Heute ist das Fliegen so absurd günstig, dass ich mein ökologisches Gewissen verdränge. Heute bin ich mit Direktflug von Nürnberg in zwei Stunden in Vilnius. Die Zugfahrt in meine thüringische Heimat dauert länger.

 

Blick auf eine Plattenbaufassade in Vilnius

Meine Bleibe 2002. Damals wie heute noch grau

Vor zwanzig Jahren musste ich bei –20 Grad Celsius aus meiner Vilniuser Plattenbaubleibe rausgehen, hundert Meter zur nächsten Telefonzelle laufen – nur hundert Meter, es hätte auch schlimmer sein können –, um mit einer Prepaidkarte mit meiner Familie in Thüringen und meinem damaligen Freund in den USA zu telefonieren. Wichtige Themen musste ich im Kopf behalten und die ablaufende Zeit im Auge. Telefonsprechzeit war kostbar. Heute gibt es diese Telefonzelle nicht mehr. Heute schalte ich mein Smartphone an, sobald das Flugzeug gelandet ist, und werde ungeduldig, weil das Gerät ein paar Sekunden zu lange nach dem litauischen Netz sucht. Auf dem Parkplatz vorm Flughafen stelle ich schon das erste Bild vom Vilniuser Himmel in meinen WhatsApp-Status. Ein paar Tage später, wieder zurück zu Hause werde ich im Kreativlabor von dieser Telefonzelle erzählen und Anne, meine Coworkerin, wird kurz nachdenken und sagen: „2002 – da war ich in der zweiten Klasse.“ Und ich werde verstehen, dass sie wahrscheinlich nie in einer Telefonzelle stand. 20 Jahre kommunikationstechnische Entwicklung und wie sie uns prägen werden in diesem kurzen Moment noch mal anders greifbar.

Ich strolche durch die Altstadt in Vilnius, diese kleine Perle. Wenn ich die Architektur und die Cafés sehe, das Flair spüre, denke ich, es könnte auch ein italienisches Städtchen mit skandinavischem Style sein. Als ich Jurate meinen Eindruck schildere, sagt sie, genau das hätte ich auch schon vor vier Jahren gesagt. Daran erinnere ich mich nicht. In meiner Erinnerung ist Vilnius oft noch in diese gedeckte Farbwelt getaucht, die auf den analog entwickelten Fotos von vor zwanzig Jahren festgehalten ist. In meiner Erinnerung dominieren die Ungemütlichkeit und das Grau des kalten Winters. Und das obwohl ich nach diesem Winter 2002 nun schon drei weitere Male in Vilnius war. Nie war es im Winter. Jedes Mal brachte ich zahlreiche leuchtend-strahlende digitale Bilder mit.

 

DAS DING MIT DEN ERINNERUNGEN

Ich sitze auf den Stufen des Kathedralenplatz, die klassizistische Kathedrale im Rücken, die sich nicht mit Prunk und großen Dimensionen aufdrängt wie so viele andere Kathedralen in Hauptstädten. Jugendliche skaten, vereinzelt posieren Touristen, eine rote Installation kündigt das 700-jährige Jubiläum von Vilnius an. Ich genieße es, hier zu sein. Plötzlich ploppt eine Erinnerung auf: 2002, sehr kalt war es, hoher offizieller Staatsbesuch aus dem Ausland war hier auf dem Platz und litauische Bürger*innen versammelten sich. Jurate nahm mich mit, synchronübersetzte die Rede ins Deutsche für mich und ich spürte, hier passiert etwas Wichtiges. In meiner Erinnerung ging es um die NATO- oder EU-Mitgliedschaft, beides war und ist bedeutsam für das kleine baltische Land.

Blick auf die Dächer der Kathedrale mit Glockenturm in Vilnius

Die Kathedrale St. Stanislaus mit Glockenturm in Vilnius

Ich will den Erinnerungsmoment mit Jurate teilen, vergewissere mich aber vorher noch mal über Google. Meine Erinnerung trügt, beide Mitgliedschaften passierten erst viele Jahre später. Also schicke ich Jurate über WhatsApp ein Bild von meinem aktuellen Blick von den Stufen auf den Kathedralenplatz vor mir und frage sie: „Weißt du noch? 2002 hier? Was war das noch mal?“ Ich muss nicht lange auf ihre Antwort warten: „Meine Liebe, du bist bei der Kathedrale. Aber das war auf dem Rathausplatz. Und es war der Besuch von Bush.“ Ich war mir ganz sicher, dass wir auf dem Kathedralenplatz gewesen waren.

Blick über den fast menschenleeren Kathedralenplatz in Vilnius

Blick von den Stufen auf dem Kathedralenplatz in Vilnius

Den Hirnforscher Martin Korte verwundert das gar nicht, was mir da auf dem Kathedralenplatz und in dieser Woche in Litauen passiert. Autobiografische Erinnerungen seien immer nur Rekonstruktionen von Erlebnissen, die abhängig sind von den aktuellen Umständen und Emotionen und allem, was uns als Persönlichkeit geprägt hat.

»Erinnern bedeutet also nicht, dass ein abgelegtes Ereignis wie eine Datei geöffnet oder wie eine DVD abgespielt wird. […] (D)er Erinnerungsprozess selbst greift in die gespeicherten Erinnerungen ein, mit anderen Worten, beim Abrufen wird verändert, was eigentlich nur ausgelesen werden sollte.«1

 

Na toll, Zuverlässigkeit und Gedächtnis sind also nicht das perfekte Match. Jedes Mal, wenn wir uns erinnern, überschreiben wir das Erinnerte und die Originalquelle ist längst nicht mehr zugänglich.* Es geht ja nur um so etwas Wichtiges wie unsere Persönlichkeit und Identität, die wir gerne als stabil und konsistent wahrnehmen wollen. Und die eben von unseren Erinnerungen und unserem autobiografischen Gedächtnis bestimmt werden.

 

NEUE PERSPEKTIVEN: ERINNERUNGEN, UMWEGE, ANKOMMEN

Was ich jedoch in dieser Woche in Litauen zuverlässig weiß: Kommt man an einen Ort zurück, an dem man nicht häufig ist und der in der eigenen Lebensgeschichte eine Rolle gespielt hat, sortieren sich Erinnerungen manchmal neu, verändern sich gewohnte Blickwinkel. Auf den Ort, auf sich selbst und auf Entwicklung. In besonderen Momenten passiert das auf seltsame, gleichzeitig erstaunlich sinnmachende und erkenntnisgebende Weise. Manchmal begegnet man auf Reisen eben nicht nur dem Unbekannten, sondern vor allem sich selbst.

Das Schreiben ist ein roter Faden in meinem Leben. In Vilnius wird mir bewusst, dass die Stadt in meinen Faden eingesponnen ist. 2002 schrieb ich zum ersten Mal Texte, die nicht nur von Lehrer*innen und Uni-Dozent*innen gelesen wurden. Texte für die Deutsche Auslandshandelskammer und die deutschsprachige Zeitung in Vilnius. Nach dem Praktikum fasste ich Mut und ging zu einer Redaktionssitzung vom interkulturellen Magazin an meiner Uni in Jena und wurde für den Rest des Studiums Teil davon. 2008 forschte und schrieb ich für mein Dissertationsprojekt in Vilnius. Über Rentenreformen, Veränderungen in Systemen. Aber eigentlich interessierten mich die Akteure, die Menschen. Egal. Hauptsache Schreiben, dachte ich damals. Mein Besuch 2018 war der erste ohne berufliches Projekt, ich war arbeitslos, lernte für einen Journalismuslehrgang und wusste, dass ich freiberuflich tätig und freier sein möchte. Heute, 2022 bin ich freiberuflich. Ich schreibe. Punkt.

 

Litauisches Gebäck liegt angebissen auf einem Teller

Das Gute am Vergessen: ich entdecke bei jedem Besuch die Süßigkeiten wieder

Als ich am zweiten oder dritten Morgen in dieser Vilnius-Woche in diesem Schreibfenster in meinem Airbnb sitze, während dieses ersten Urlaubs seit dem Start in meine Selbstständigkeit, nehme ich eine ganz neue Perspektive auf die letzten Jahre wahr. In NUR vier Jahren habe ich mein Leben und mein berufliches Wirken stark umsortiert. Stolz und Dankbarkeit durchfluten mich für ein paar Momente. Denn im Alltag denke ich viel zu oft, ich habe in bald dreieinhalb Jahren Selbstständigkeit noch immer keine planbare Stabilität erreicht, bin noch lange nicht da, wo ich sein möchte.

Doch haben nicht alle Stationen dazu beigetragen, jetzt hier zu sitzen und diese Zeilen zu schreiben? In genau dieser Art und Weise. Klar, manchen Umweg, manchen Schmerz, manches Scheitern, manche Krise hätte ich auch gerne übersprungen. Aber zurück in Deutschland, zurück im Kreativlabor mit der gelben Bank in der Schiffstraße in Erlangen wird mir einmal mehr bewusst, wenn ich Katrin, meine andere Coworkerin, beim Malen zuschaue, dass ein gutes Bild nie nach nur einem Pinselstrich und einer Farbschicht fertig ist.

 


1 Martin Korte: „Wir sind Gedächtnis. Wie unsere Erinnerungen bestimmen, wer wir sind“, 2017, S. 41.

* Genau dazu hat kürzlich Nina Praun ihre regelmäßig erscheinende Mußestunde geschrieben. Was passiert, wenn unser autobiografisches Gedächtnis eine Bibliothek wäre und eine Bibliothekarin im Archiv die Erinnerung an den letzten Salzburg-Besuch heraussucht?

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BILDUNTERSCHRIFT: In die gelbe Bank Kolumne schreibe ich über alles, was mir auf der gelben Bank in der Schiffstraße begegnet. Oder eben auch nicht. Gedanken, Beobachtungen, Alltagsgeschichten, BILDQUELLE: Carolina Martínez (Foto), wenn nicht anders angegeben, sind die Bilder in diesem Beitrag von Petra Häfner
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